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Ich laufe gerne. Laufen löst in mir eine große Zufriedenheit aus. Auch eine gewisse Sicherheit. Es ist eine Geschwindigkeit, die ich kontrollieren kann. Das ist beim Autofahren nicht der Fall. Ich bin eine lausige Autofahrerin und eine schwer zu ertragende Beifahrerin. Das betrifft nicht nur den potenziellen Fahrer des Autos, in dem ich auf der Beifahrerseite sitze, sondern auch sämtliche Straßenbahn-, Bus- und Taxifahrer sowie Piloten. Am liebsten würde ich ihnen vorausschauend ständig zurufen: „Achtung, da kommt was von links! Bitte bremsen! Vorsicht, Spielstraße!“ und so weiter. Es ist nicht so, dass ich mich schrecklich davor fürchten würde, bei einem eventuellen Unfall ums Leben zu kommen. Sondern vielmehr die Tatsache, dass ich ungern die Kontrolle abgebe. Wenn schon, denn schon. Deswegen und um nicht zu einer mürrisch – kauzigen Unperson zu mutieren, bin ich also vorwiegend zu Fuß unterwegs. Das ist meine größtmögliche Freiheit. Bisher. Seit wir einen neuen Mitbewohner haben, wird diese Freiheit beschnitten. Unser mittlerweile sechs Monate alter Doodle – Goldie – Mix, nennen wir ihn Monsieur, hat sein eigenes Tempo. Das kann manchmal sehr schnell und manchmal sehr langsam sein. Es hängt von den Umständen ab. Sieht er meine Tochter von weitem (wahlweise meine Söhne, meine Schwägerin, das Nachbarmädchen oder Herrmann, die Französische Bulldogge,) rast er wie ein geölter Blitz los und schaut dabei mit seinem lachenden Gesicht und weißen Flatterohren wie Fuchur aus der „Unendlichen Geschichte“ aus. Erschnuppert er hingegen ein Mäusenest (wahlweise auch Maulwurf, Hase, Fuchs, Marder), kann er Stunden mit besinnungslosem Buddeln zubringen. Natürlich immer ergebnislos, aber das scheint ihn danach nicht mehr zu interessieren. In der Welpenschule haben wir gelernt, Kommandos nur einzusetzen, wenn sie auch umgesetzt werden können. Weil ansonsten nämlich ihre Wirkung verpufft. „Weiter“ ist also keine Option. Unser Hund setzt dem „Weiter“ einfach ein „Nicht Weiter“ entgegen. Ich stehe daneben und schaue zu, wie er Schichten um Schichten brauner Erde abträgt. Mit einem Eifer und einer Ernsthaftigkeit, als hänge unser aller Leben davon ab. Ich stehe und schaue. Was soll ich sagen? Es ist wahnsinnig beruhigend. Stressabbau und – prävention in einem. Es erinnert mich an die Zeiten, als unsere Kinder klein waren und aus jedem Spaziergang ein ungewisses Abenteuer wurde.

Am Anfang steht immer der Druck: Wir wollen weiter, schneller, höher, besser. Am Ende spielt es keine Rolle.

Mit Monsieur bummele ich durch die Wunder der Welt. Vertrödelte Spaziergänge, auf denen ich mein Glück finde. Und wenn ich nach Hause komme, mit kalten Füßen und nassen Haaren durch den Schneeregen, dann fühle ich mich auf eine sehr gesunde Art zufrieden.

Der Frühling kommt, die helle Jahreszeit – man kann es spüren. Sei gegrüßt und bis bald!

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