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Und nun?

Dieser Moment, an dem du auf dem Weg zur Beisetzung eines Freundes merkst, dass du die Blumen zu Hause vergessen hast. Dieser Moment, in dem es dich schockartig durchflutet, eine Welle von Ratlosigkeit, Scham und Zorn. Wenn du kopflos zwischen den zwei Optionen abwägst: Zurückfahren und das Blumengebinde holen, dafür möglicherweise zu spät kommen oder weiterfahren und mit leeren Händen den Freund verabschieden. Dieser Moment, der so kurz ist, dass er dich zu einer Entscheidung zwingt, die kein langes Abwägen gestattet. In dem Moment nach dem Moment setze ich den Blinker und wende. Drehe die Musik laut und versuche die einsetzende Erkenntnis zu verdrängen, dass ich nun zu spät kommen werde.

Als ich die Zuhause - Tür aufschließe, sehe ich den Strauß auf der Flurgarderobe liegen. Den extra für den Freund komponierten Wildblumengruß. Sonnenblumen, Vergissmeinnicht, Margariten, Schafgarbe, Kamille. Geduldig liegt er da und hat alle Zeit der Welt. Ich bin neidisch auf ihn. Ein gehetzter Blick zur Küchenuhr – noch eine halbe Stunde. Eigentlich wollte ich jetzt schon da sein. Die Lieben in den Arm nehmen, mich selbst gehalten fühlen. Ich merke einen tiefen Schmerz in meiner Brust, der sich anders anfühlt als ein Traurigsein. Dieser Schmerz löst sich nicht während der Fahrt auf. Er löst sich nicht auf, als ich ankomme und zur Kapelle eile. Es ist niemand mehr da. Ich stehe mutterseelenallein auf dem Friedhof. Ein dicker fester Schmerzknoten, der in den Hals hochwandert. Ich bin zu spät. Fünf Minuten zu spät. Scheu frage ich den Mann, der Blumengebinde räumt, ob er mich noch in die Kapelle reinlassen kann. Er kann. Niemand achtet auf mich. Schüchtern setze ich mich in die letzte Reihe. Die Blumen fest in der Hand, wie ein Rettungsring. Aber sie sind nicht mehr wichtig. Sie bedeuten nichts. Der Freund ist gestorben.

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so traurig...und nun?

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