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Die Welt zu lieben

Gestern, am späten Nachmittag, waren mein Mann und ich an einem kleinen See. In meiner Kindheit habe ich in den Sommern viel Zeit an diesem See verbracht. Wir sind früh mit den Rädern hin geradelt, sind geschwommen, haben Karten gespielt, in den blauen Himmel geschaut und eine große Leichtigkeit in uns gespürt. Mein damaliger Hund, zum dem ich eine innige Beziehung hatte, war immer dabei. Er war ein freundlicher Hund, klug und loyal. Als er starb, begann für mich eine neue Zeitrechnung, die Zeit ohne Hund. Aber die Erinnerung an die Schwerelosigkeit meiner Kindheitssommer und die Sehnsucht nach einem Hund ließ nie locker. Und so, ihr wisst ja …

Sonntagspätnachmittag. Der See aus meinen Kindheitstagen. Unser Hund rast mit fliegenden Ohren ins Wasser, springt freudig seinem Ball hinterher, rennt, tobt und ist glücklich. Wir sind es auch. Bis genau zu dem Moment, an dem wir in eine beschämende Auseinandersetzung mit zwei Anglern geraten, die um die Böschung mit ihrem gesamten Hausrat - Zelt, Stühle, Grill – und ihren Autos zehn Meter vom See lagern. Wütend schnauzen sie uns an: „Hunde gehören angeleint. Das ist gemeingefährlich.“ Dass Paco sie komplett ignoriert, sowohl die Strippen im Wasser, als auch die herumliegenden Würstchenverpackungen, scheinen sie gar nicht mitzukriegen. Es geht ums Prinzip und ums Recht. Als Hundebesitzer bist du nie im Recht. Ob als Angler, Jogger, Kind – ein Hund ist eine potenzielle Gefahr. Man darf es den Menschen nicht übelnehmen, es gibt leider genug Hundehalter, die mit ihrer Ignoranz allen das Leben schwerer machen und den Ruf der braven Hunde ruinieren. Wir leinen Paco an und laufen zurück. An der nächsten Bucht treffen wir auf Jonny. Jonny ohne h. Er liegt im grünen Gras und hat die Augen geschlossen. Ich bekomme Angst. Was ist mit Jonny, warum bewegt er sich nicht? Mein Herz macht einen Zusatzschlag. Ich erinnere mich, dass mein Kindheitshund genauso da lag: mit geschlossenen Augen, bewegungslos. Er hat mich verlassen und nichts konnte ihn zurückholen. Erst als Jonny die Augen aufschlägt und unseren Hund anschaut, kehrt mein Herz in meine Brust zurück.

„Er ist alt. Siebzehn Jahre. Aber er frisst und lebt so gut, wie er es noch vermag. So lange das so ist, wird er bei mir bleiben.“

Ein breitschultriger Mann, der neben dem schwarzbraunen Labradorrüden sitzt, nimmt den Grashalm aus dem Mund und streichelt ihm mit großer Zärtlichkeit über den Kopf. Wir schauen uns in die Augen und verstehen uns: Zwei Menschen, die wissen, dass nichts über die Liebe eines Tieres hinausgeht. Liebe schafft Verständnis. Und: Ein Haustier ist nie nur ein Haustier. Er stillt die Sehnsucht nach bedingungsloser Liebe, die wir doch alle in uns tragen. Und was man hier jetzt vielleicht auch mal festhalten kann: Das Leben ist zu kurz, um immer auf sein Recht zu pochen. Ich für mein Teil streichle meinen Hund übers wuschelige Fell und schon beruhigt sich mein Puls. Nur so am Rande.

Ich wünsche dir eine heitere Gelassenheit und freundliche Begegnungen und vor allem ganz viel Liebe, egal von wem, egal woher. Bleib gesund und sei gegrüßt, mit Liebe.

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